In China aufs Kreuz gelegt
Handelsblatt vom 29.09.08
von Reppesgaard, Lars
Eginhard Vietz wurde Opfer von Industriespionen und will nun, das andere von seinem Beispiel lernen. Nun hat der Unternehmer nach den bösen Erfahrungen seine Firma abgedichtet. Und ist trotzdem auf allen wichtigen internationalen Märkten präsent.


Eginhard Vietz hat auf jeden Fall Mut. Wenn er Themen für wichtig hält, spricht er sie an – egal, ob seine Meinung nun populär ist oder ob er sich in den Augen anderer damit unmöglich macht. Im Anschluss an Pressekonferenz von Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Auslandsreise ergriff er kürzlich vor einem staunenden Journalisten-Tross das Wort, um sich für die wegen der Korruptionsaffären im Rampenlicht stehende Siemens AG in die Bresche zu werden. „Viele Aufträge im Ausland bekommt man nur so, das ist nun mal ein Fakt“, sagt er auch heute noch.

Der 67-jährigen Gründer und Chef der Vietz Pipeline Equipment GmbH in Hannover ist einer, der ausspricht, was viele andere Mittelständler denken, aber nie sagen würden. Etwa, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Boykott der Olympia-Eröffnung vielen beim China-Geschäft Steine in den Weg legt. Oder dass die Bundesregierung dem Mittelstand schadet, weil sie sich auf Druck der amerikanischen Regierung weigert, mit Staaten wie Venezuela oder dem Iran Außenhandelsabkommen abzuschließen.„Offiziell erklärt die amerikanische Politik diese Länder zu Schurkenstaaten, und hinter dem Rücken machen die US-Firmen mit Hilfe der Botschaften doch ihre Geschäfte. Und wir gucken zu“, sagt der Unternehmer, der seit 25 Jahren CDU-Mitglied ist.

2005 wurde Vietz populär, weil er als einer der wenigen den Mut hatte, publik zu machte, was vielen widerfährt: Inmitten der China-Euphorie zog er sich aus dem Reich der Mitte zurück, weil er ein Opfer von chinesischen Wirtschaftsspionen geworden war. „Alle anderen, die in China komplette Maschinen gebaut haben, haben die gleiche Erfahrung gemacht“, sagt er. „Aber niemand traut sich, darüber zu sprechen.“

Das Know-how der Vietz GmbH ist begehrt. Die Hannoveraner verkaufen Rohrbiegemaschinen, Vakuumrohrhebegeräte und Prüftechnik für den Bau von Ölpipelines. Vor allem aber die neue Laserschweißtechnik, die Vietz anbietet, ist begehrt. „Jedes Jahr werden zwischen 20.000 und 25.000 Kilometer Pipeline verlegt“, sagt Vietz. „Heute schaffen rund 300 Leute pro Tag einen Kilometer Pipeline von 1 Meter Durchmesser. Mit unserer Lasertechnik schaffen 10 Personen 5 Kilometer pro Tag.“

2003 hatte Vietz auf auf Druck verschiedener chinesischer Behörden und staatlicher Ölfirmen ein Produktions-Joint-Venture bei Peking gegründet. „Aber die chinesischen Partnerfirmen hintergingen uns. Sie hatten Mitarbeiter in der Firma installiert, die nur das Ziel hatten, möglichst viel Know-how abzuziehen. Also haben wir die Geschäfte allein weiter geführt. Und dann entpuppt sich auch der Betriebsleiter, den ich selbst eingestellt habe, als Kuckucksei und haut ab, den Laptop voller Baupläne“, erinnert er sich. Nach einem Handgemenge kam die Polizei und nahm den Betriebsleiter mit. wenig später war er wieder auf freiem Fuß, und der Laptop mit den Firmengeheimnissen verschwunden.

Dass ausgerechnet ihm, den China-Veteranen, der seit 20 Jahren dort aktiv war und den im Pipline-Geschäft jeder kennt, so etwas passiert, hat ihn nachdenklich gemacht. „Viele andere gehen völlig naiv nach Fernost, um Geschäfte zu machen. Und dann legen mich Freunde, Menschen, die ich seit 12 Jahren kenne, auf’s Kreuz“, sagte er damals dem Handelsblatt. Bis heute schmerzt ihn menschlich, wie dort sein Vertrauen missbraucht wurde. Aber er sagt auch: „Ich habe aus dieser Sache ungeheuer viel gelernt, was man anders machen muss.“

Eginhard Vietz ist keiner, der jammert. Das tat er nicht, nachdem seine Eltern dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen waren und er mit seinen Großeltern und einem Handkarren aus der Heimat, die heute in Polen liegt, nach Westen fliehen musste. Und das tat er nicht, als er sich in Hannover befand und urplötzlich durch den Mauerbau von seinen Angehörigen und Freunden in Potsdam abgeschnitten wurde. Vietz kämpft, notfalls im Alleingang, wenn kein anderer mitzieht. „Ich habe ja nichts zu verlieren“, sagt er. „Ich habe keine Angst, öffentlich diese Niederlage einzugestehen. Und ich glaube, dass viele andere aus meinem Beispiel etwas lernen können.“

Deshalb macht er die Pleite publik, sagt der Firmenchef. Walfried Sauer, Geschäftsführer des Sicherheitsberatungsunternehmen Result Group würde sich wünschen, dass mehr Firmenlenker diese Art von Mut aufbringen. „Wenn sich mehr Unternehmen offen über den Modus Operandi von Wirtschaftskriminellen austauschen würden, könnten sie sich selbst auch präventiv besser schützen.“ In der Regel schweigen Unternehmen, denen Know-how gestohlen wurde, aus Angst vor dem Image-Schaden. Seit Jahren machen deshalb Unternehmen aus Deutschland immer die gleichen Fehler und fallen auf die gleichen Spionage-Maschen rein, statt öffentlich einzugestehen und gemeinsam aus den Fehlern zu lernen.

Die erste Konsequenz: Vietz produziert nicht mehr in China. „Dort lassen wir nur noch Kataloge drucken“, sagt er. Lediglich einige Einzelkompomenten, die keinen Rückschluss auf die Technologie ermöglichen, die in den Vietz-Maschinen steckt, lässt er noch dort fertigen. Und wenn ein chinesisches Unternehmen seine speziellen Pipelinebaumaschinen bestellt, bekommt es zwar Vietz-Maschinen, aber nur welche ohne Laser-Technik.

Die zweite Konsequenz: Vietz sorgt dafür, dass auch anderswo in seinem Unternehmen niemals mehr Firmenwissen von Konkurrenten angezapft wird. Weil er seine China-Erfahrungen öffentlich macht, kommt er mit dem Niedersächsischen Verfassungsschutz ins Gespräch. Die Schlapphüte besuchen die Vietz-Zentrale in Hannover-Empelde und beraten ihn, wie man eine Firma abdichtet. Auf ihren Rat hin nimmt er davon Abstand, Praktikanten aus Russland oder China ins Unternehmen zu lassen. Der Hintergrund und die Vergangenheit von denjenigen, die Konstruktionsbereich eingestellt werden,wird genau unter die Lupe genommen. Die Verbindung der Computer in der Konstruktionsabteilung zum Internet wird gekappt. Die Inselstationen können auch nicht zum Versand und Empfang von E-Mails genutzt werden. In der ganzen Abteilung gibt es auch keine Faxgeräte mehr. „Im ersten Moment waren die Mitarbeiter schockiert“, sagt Vietz. „Wir haben aber genau erklärt, was die Gründe dafür sind. Unser Know-how ist weltweit einzigartig. Unsere Existenz hängt daran.“

Dass diese Vorsichtsmaßnahmen keineswegs überzogen sind, bemerken die IT-Experten des VS, als sie entdecken, dass Hacker dabei sind, die die Vietz-Rechner einzubrechen. Die Datenspuren, die sie hinterlassen, deuten darauf hin, dass die Urheber der Computerattacken keineswegs in China, sondern in den Vereinigten Staaten sitzen. Auch Praktikanten aus den Vereinigten Staaten dürfen seit dem nicht mehr ins Haus.

Das Aus in China hat sein Unternehmen gut verkraftet. Die chinesischen Firmen kaufen weiterhin sein Maschinen, auch wenn mitunter die politische Großwetterlage das Geschäft bremst. So platze etwa ein Geschäft mit der China National Petroleum Corporation. Seiner Ansicht nach, weil Angela Merkel China durch ihre Olympia-Boykott die Chinesen vor den Kopf gestoßen hat. Aber Öl-Pipelines werden auch anderswo gebaut: In Brasilien, in Algerien, in Angola. Vietz hat acht gültige Reisepässe, für die vielen Stempel und Visa hat er gerade zwei weitere neue beantragt. Gerade weil er sich von der Bundesregierung im Stich gelassen fühlt, setzt er auf persönliche Kontakte, gerade in den Ländern wie dem Iran oder dem Sudan, in denen es politisch nicht opportun ist, Geschäfte zu machen.

Nach Venezuela will er als nächstes, Geschäfte kann er auch ohne Außenhandelsabkommen machen. Dann geht es weiter nach Kuba, Chile, Mexiko, vielleicht Peru. Und nach Abu Dhabi. Über die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate wickeln viele US-Firmen ihre Geschäfte mit dem Iran ab, faktorieren dort die Einnahmen und können sie so ordentlich verbuchen. Wie amerikanische verweigern auch deutsche Banken wegen der Embargo-Vorschriften die Annahme von Zahlungen aus dem Iran, selbst wenn es um den Handel mit Gütern geht, die wie Vietz Pipelinebau-Ausrüstung auf keiner Embargoliste stehen. In Abu Dhabi entsteht deshalb die nächste Vietz-Niederlassung. „Ansonsten müsste ich das Geld aus den Iran-Geschäften in einem Koffer zu meiner Bank bringen“, sagt er. „Obwohl... vielleicht tue ich das sogar mal.“ Zuzutrauen wäre es ihm.