Handelsblatt, 31.03.2006
von Reppesgaard, Lars
Unzufriedene Mitarbeiter werden anfällig für Wirtschaftskriminalität.
Die Unternehmen haben selbst Schuld daran.von Reppesgaard, Lars
Die Computerprofis der Polizei in Celle haben gerade eine brisante Festplatte auf ihrem Tisch. Ein Mitarbeiter der Deutschen Management Akademie Niedersachen (DMAN) war im Dezember dabei erwischt worden, wie er heimlich Daten des Weiterbildungsunternehmens auf den Datenträger kopierte. Besonders pikant: Der mutmaßliche Datendieb hatte einen Zeitvertrag, der kurz darauf auslief - und einen neuen Arbeitgeber: die Carl-Duisberg-Centren (CDC) in Köln, ein Konkurrent der Celler. Die Kölner haben die Niedersachsen vor kurzem bei einer Ausschreibung ausgestochen. Die DMAN hatte die ersten drei Phasen eines EU-Trainingsprogramms für osteuropäische Manager umgesetzt. Die vierte Phase betreuen nun die CDC. Gesamtauftragswert: zwölf Millionen Euro.
Der Ertappte war genau für dieses Programm zuständig. Nun ermittelt die Polizei, ob die Akademie Opfer eines Wirtschaftsspions wurde. Die Leiter der CDC betonen, dass sie den Zuschlag für das EU-Projekt schon im November erhalten haben - also bevor der Ertappte die Daten kopiert haben soll. Hat aber der Mann tatsächlich seiner neuen Firma Geschäftsgeheimnisse verraten, wäre die DMAN in guter Gesellschaft. Selbst Daimler-Chrysler hatte unlängst Probleme mit bestechlichen Vertrieblern. Fast jedes zweite Unternehmen hier zu Lande wurde in den letzten zwei Jahren Opfer eines Wirtschaftsdelikts, fand Pricewaterhouse Coopers (PwC) heraus. Die Wirtschaftsprüfer befragten Manager aus 3 634 Unternehmen in 34 Ländern. JAeder Fall von Industriespionage, jede Betrugs- oder Korruptionsaffäre kostete die Opfer hier im Schnitt 3,4 Millionen Euro. Jeder zweite Täter ist ein eigener Mitarbeiter.
Fatal daran ist, dass die Topmanager selbst durch ihr Führungsverhalten oft dazu beitragen, dass Beschäftigte anfällig werden für Korruption, Unterschlagung oder Untreue. Wer sich mit seiner Firma identifiziert, schädigt sie nicht. "Viele geben immenses Geld aus, um die IT-Systeme abzusichern, und sparen gleichzeitig bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter", moniert Christian Schaaf, Berater bei Result Group in München, die spezialisiert ist auf die Abwehr krimineller Angriffe auf Unternehmen. "Dabei ist der Mensch das schwächste Glied der Kette. Mitarbeiter anzuzapfen ist viel einfacher, als ins Computersystem einzubrechen."
Klassiker sind diese Fälle laut Schaaf: Mal entpuppen sich vermeintliche Praktikanten als Informationsdiebe, dann werden Mitarbeiter ausgeforscht. Oder Unbekannte, die an der Bar des Messehotels scheinbar harmlose Fragen stellen, sind in Wahrheit Profischnüffler. Oft hat ein Konkurrent nicht viel Mühe, weil die Mitarbeiter immer öfter von sich aus Informationen anbieten. Wie das kommt? Befristete Verträge, das Auslagern von Geschäftsbereichen und das Schließen von Abteilungen haben dazu geführt, dass die Loyalität der Mitarbeiter immer weiter gesunken ist. Zudem geht es in großen Unternehmen immer anonymer zu, und Täter haben nicht das Gefühl, ein konkretes Opfer zu schädigen. Außerdem: "Konzerne und Firmengeflechte werden immer komplexer. Dadurch erhöht sich ihr Risiko, durch kriminelle Handlungen geschädigt zu werden", weiß Erhard Rex, Generalstaatsanwalt des Landes Schleswig-Holstein.
Dennoch ignorieren viele Topmanager die GeAfahr von innen. "Die meisten haben kein Gesamtkonzept, wie man Schäden durch Wirtschaftskriminelle verhindern kann", kritisiert Rex. Weder machen sie sich Gedanken um die sinkende Mitarbeiterloyalität, noch haben sie Systeme, um Unregelmäßigkeiten aufzudecken.
Eine weitere Tätergruppe sind die Topentscheider selbst. Jede dritte Wirtschaftsstraftat in Deutschland begeht ein Topmanager. Beispiel Heros: Karl-Heinz Weis, Inhaber der Hannover Geldtransportfirma, Manfred Diel, Leiter der Unternehmenstochter Nordcash, und andere Heros-Manager unterschlugen mehr als 300 Millionen Euro Kundengelder. Nun ist auch eine leitende Personalmanagerin verhaftet worden. Als sie die Abzocke bemerkt hatte, wollte sie mitverdienen und erpresste die Heros-Manager und begann auch, sich bei Kundengeldern zu bedienen.
Damit das Unterschlagungssystem funktionierte, scheint Heros auch Schlüsselfiguren von Geschäftspartnern großzügig geschmiert zu haben. So steht der Leiter des Cashmanagements des Rewe-Konzerns im Verdacht, jahrelang einen von Heros bezahlten Geländewagen gefahren zu haben. Rewe gehört zu den Hauptgeschädigten im Heros-Fall.
Einen Topmann, der ein schlechtes Vorbild abgibt, hat auch Rewe selbst: Ihr Ex-Geschäftsführer Ernst Dieter Berninghaus wurde gerade wegen Untreue zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte beim überteuerten Ankauf einer Internetfirma durch den Konzern mitverdient.
Christian Schaaf von Result Group überraschen solche Beispiele nicht. "Wenn die Manager tricksen, wächst bei den Mitarbeitern die Überzeugung, dass sie sich selbst so etwas auch erlauben können. Will ein Unternehmen Wirtschaftskriminalität verhindern, braucht es ethische Leitlinien und interne Kontrollen, ob sie befoAlgt werden. Verstöße müssen Konsequenzen haben." Doch genau die bleiben oft aus - besonders, wenn Spitzenmanager in Wirtschaftsverbrechen involviert sind. PwC fand heraus, dass die Firmen nur 32 Prozent der erwischten Topleute anzeigen. Bei anderen Mitarbeitern beträgt die Quote 61 Prozent. Staatsanwalt Rex hält das für fatal: "Schlechte Beispiele verderben die guten Sitten."
Die Deutsche Bahn zeigt dagegen, wie man erfolgreich Wirtschaftskriminalität bekämpft. Anders als andere Firmen fordert der größte Einkäufer von Dienstleistungen in Deutschland konsequent auch das ergaunerte Geld per Zivilklage zurück. Vor fünf Jahren richtete die Bahn zudem eine Stelle für die offensive Bekämpfung von Korruption im Unternehmen ein. Regina Puls, zuvor beim BKA tätig, leitet die Antikorruptionsaktivitäten des Konzerns. "Wir sagen den Mitarbeitern klipp und klar, welche Werte und welche Hygiene das Unternehmen hat und was die Konsequenzen sind, wenn man gegen diese Werte verstößt", betont sie.
Zugleich schützt die Bahn Tippgeber, indem sie unabhängige Rechtsanwälte als neutrale Ansprechpartner, die so genannten Ombudsleute, beauftragt hat. So können Mitarbeiter oder Geschäftspartner der Bahn Probleme ansprechen und gleichzeitig sicher sein, dass sie auf Wunsch anonym bleiben. Vor allem aber verfolgt die Bahn konsequent alle Delikte. Bis heute hatte die Bahn 430 Hinweise, die auf Korruption hindeuten. Puls: "Wir haben über 120 von ihnen zur Strafanzeige gebracht."
