Das Versagen der Aufsichtsräte
Beitrag für NDR Info, 25.8.2005
von Lixenfeld, Christoph

Länge: 3 Minuten

Anmoderation:

Aufsichtsräte großer Aktiengesellschaften sollen den Vorstand beaufsichtigen und kontrollieren. Allerdings scheinen sie immer dann zu versagen, wenn diese Aufsicht am nötigsten wäre: Beim Chiphersteller Infineon musste der Vorstand wegen einer Schmiergeldaffäre gehen, anschließend räumte der Aufsichtsrat zähneknirschend ein, Hinweise auf Unregelmäßigkeiten nicht ernst genommen zu haben. Als bei DaimlerChrysler erst der Vorstandsvorsitzende Jürgen Schrempp und nur Stunden später Mercedes-Chef Eckard Cordes gingen, wurde der Aufsichtsrat von den Ereignissen völlig überrumpelt und wirkte wie gelähmt.
Und im VW-Konzern kaufte der Vorstand das Wohlwollen der Betriebsräte, von denen sechs gleichzeitig im Aufsichtsrat saßen, mit zweifelhaften Vergnügungsreisen.
Warum die Kontrolleure so schlecht kontrollieren, darüber berichtet Christoph Lixenfeld

O-Ton AR 1: Jaugey
„Eine Aufsichtsratssitzung in Deutschland ist eine Choreographie. Ich war früher Messdiener, das erinnert mich immer daran. Das läuft ohne jegliche Überraschung, weil alles im voraus geplant und so organisiert ist, dass es keine Debatte und keine echte Diskussion gibt.“

Text
Etienne Jaugey ist Senior Partner des Strategieberatungsunternehmens Diamond Cluster und war vorher Vorstandsmitglied der ehemaligen Colonia Versicherung und Generalbevollmächtigter der Westdeutschen Landesbank. Er wurde in mehrere Aufsichtsräte gewählt und erlebte in den Sitzungen das immer gleiche Ritual.

O-Ton AR 2: Jaugey
„Vorne gibt es in epischer Länge die Formalien, die Wahl des Wirtschaftsprüfers und so weiter und so fort. Und die wichtigsten kommen am Ende, und manchmal sind sie sogar zur totalen Verschleierung unter Verschiedenes versteckt, so dass bloß die Aufsichtsräte keine zu viele unangenehmen Fragen stellen.“

Text:
Echte Kontrolle ist also gar nicht erwünscht, und die wenigsten Aufsichtsräte mucken dagegen auf. Theoretisch hat das Gremium die Aufgabe, auf mindestens zwei Sitzungen pro Halbjahr die Geschäftsberichte ihrer Unternehmen zu prüfen, Vorstände zu ernennen oder abzuberufen und deren Gehalt festzulegen. Außerdem soll der Aufsichtsrat mit dem Management über die Strategie beraten. Bei großen Aktiengesellschaften besteht er aus 20 Mitgliedern. Zehn davon wählt die Hauptversammlung auf Vorschlag des Vorstandes, Arbeitnehmer und Gewerkschaften entsenden die anderen zehn.
Den Vorsitzenden stellt die Aktionärsseite. Tritt bei einer Abstimmung eine Pattsituation ein, zählt sein Votum doppelt. Margret Mönig-Rahne, Stellvertretende Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bank.

O-Ton AR 3: Mönig-Rahne
„Natürlich ist die Tatsache, dass am Ende einer Auseinandersetzung die Anteilseignerseite sich auf jeden Fall durchsetzen kann, eine Einschränkung einer wirklichen Mitbestimmung. Aber es passiert eigentlich relativ selten, dass nicht versucht wird, einvernehmliche Lösungen oder Sichtweisen herzustellen.

Text
Diese einvernehmlichen Lösungen und Sichtweisen sind es, die Aufsichtsräte seit Jahren massiv in Verruf bringen.
DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp konnte seine riskanten und für die Aktionäre teuren Träume von der „Welt-AG“ verwirklichen, ohne von den Aufsehern mit unangenehmen Fragen behelligt zu werden.
Ein Grund dafür ist die Zusammensetzung des Gremiums: Das Management ließ unter anderem den Chef eines Baseball-Clubs, den Herausgeber eines US-Magazins für farbige Unternehmer sowie einen Ex-Tourismusminister in das Gremium wählen. Mitglieder mit Branchenerfahrung gibt es im DaimlerChrysler-Aufsichtsrat nicht.
Zweites Problem: Die Aktionärsvertreter sind schlecht vorbereitet, weil ihnen die Zeit fehlt. Einige haben zehn Kontrollposten, obwohl ihnen schon ihr Hauptjob als Vorstand eines anderen Unternehmens eine Sechzig-Stunden-Woche beschert.
Die Sehnsucht nach so vielen Mandaten wird allerdings nachlassen, davon ist Etienne Jaugey von Diamond Cluster überzeugt, wenn Aufsichtsräte für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden.

O-Ton AR 4: Jaugey
Das Risiko, ins Gefängnis zu gehen, ist für viele sicherlich nicht aufgewogen durch die Aufsichtsratstantiemen. Gerade in einem Kontext, in dem man nicht immer ausreichend informiert ist, um zu vermeiden, ins Gefängnis gehen zu müssen.“

Text
Bis jetzt ist in Deutschland noch kein Aufsichtsratsmitglied für sein Versagen zur Verantwortung gezogen worden. Nach der Übernahme von Mannesmann Mobilfunk durch Vodafone im Jahre 2000 standen zwar auch Aufsichtsratsmitglieder vor Gericht, weil sie viel zu hohe Abfindungen für Vorstände und Ex-Vorstände genehmigt hatten. Verurteilt wurde allerdings niemand. Doch das kann noch kommen: Der Prozess wird in kürze komplett neu aufgerollt.

Abmod.
Mehr über das Versagen der Aufsichtsräte erfahren Sie heute Abend in unserer Sendung „Das Forum“ um 20:30.