Handelsblatt Nr. 184 vom 22.10.2008
von Christoph Lixenfeld
von Christoph Lixenfeld
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Beim Sponsoring gehen Familienunternehmer ganz eigene Wege.
Der Erfolg gibt ihnen Recht.
„Der beste Werbemann der Welt wäre nicht auf diese Idee gekommen“, sagt Volkmar Wywiol, und niemand würde ihm da widersprechen. Denn der beste Werbemann der Welt hätte ihm geraten, mit seinem Sponsoring-Budget eine Initiative für gesünderes Essen in Norddeutschland oder Schulspeisungen in Afrika zu finanzieren. Irgendwas mit Ernährung jedenfalls. Schließlich ist Wywiol Inhaber und Geschäftsführer der Mühlenchemie aus Ahrensburg bei Hamburg, die Zusatzstoffe für Mehl herstellt und die Mühlenindustrie bei der Verarbeitung und Optimierung dieses komplexen Rohstoffs berät. Volkmar Wywiol hat auf keinen Werbemann gehört, sondern auf sich selbst. Deshalb gründete er eine „Sackothek“, will sagen ein Mehlsackmuseum.
Die Idee dazu verdankt er einem jener Zufälle, aus denen seiner Meinung nach „das ganze Leben besteht.“ Vor zehn Jahren lugte am Strand von Dubai die Ecke eines Sacks aus aus dem Sand. Wywiol, der gerade dort urlaubte, grub ihn „unter Protest meiner Frau“ vollständig aus, sah anhand des Aufdrucks, dass er einst das Mehl eines Kunden getragen hatte. Und er stellte fest, wie schön dieses profane Produkt sein kann, wenn der Betrachter nur einen Blick dafür hat. Die Idee war in der Welt, es entstand eine Mehlsacksammlung, die im mecklenburgischen Wittenburg beheimatet ist und heute etwa 1.600 Exponate umfasst. Volkmar Wywiol sagt, man habe ihn deshalb am Anfang für verrückt erklärt – was für einen gestandenen Mittelständler eine Art von Kompliment ist. Und irgendwie normal. Sponsoringideen von Familienunternehmen entstammen häufig einem „Spleen“ des Chefs, gerade dadurch entwickeln sie ihren Charme. Nichts ist authentischer als ein Spleen, und was authentisch ist, hat Erfolg. Das gilt auch für Mehlsäcke.
Ihre Aufdrucke sind vielfältig und künstlerisch, vor allem aber zeugen sie vom hohen Symbolwert des Produkts. Mehl ist Brot und Brot ist Leben, Mehl entsteht aus Ähren, die wiederum sind ein Geschenk der Sonne und des Mutterbodens. Die Säcke zeigen Blumen, die Weltkugel oder das Firmament. Ringkämpfer und Männer, die Ketten sprengen, schließlich gibt Mehl Kraft. Und natürlich immer wieder eine schöne Frau, schön wie Demeter, die altgriechische Göttin des Getreides, der Fruchtbarkeit und der Jahreszeiten. Als genialer Schachzug erwies es sich, nicht die eigenen Produkte – wie in Volkswagens Autostadt zum Beispiel – sondern die der Kunden auszustellen. „Wenn die hier sind und sehen, dass ihr Sack in der Sackothek hängt, dann haben die Tränen in den Augen“, erzählt Volkmar Wywiol. Und die Müller kommen oft vorbei, weil Mühlenchemie in Ahrensburg ein Technologiezentrum betreibt, in dem Wissenschaftler und Anwendungstechniker auch für Kunden Versuche und Erprobungen durchführen. Wieder zu Hause – Mühlenchemie verkauft in etwa 100 Länder – schickt mancher Kunde Säcke mit neuen oder besonders schönen Motiven nach Norddeutschland. Die Sammlung liefert damit ein willkommenes Gesprächsthema mit vielen Anknüpfungspunkten, ohne dass es immer und sofort um Liefermengen und Konditionen geht.
Eine Brücke zu schlagen zwischen Kunst und Kommerz, das gelingt auch Bernd Pederzani, obwohl sein Kerngeschäft noch weniger mit Kunst zu tun hat als das von Volkmar Wywiol. Pederzani handelt mit LKW-Teilen, und das sehr erfolgreich, Europart ist europaweit die Nummer eins in diesem Geschäft. Leider nur hat die Firma ein kleines Problem: ihren Standort am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets. Das „Tor zum Sauerland“ wie sich Hagen selbst gerne nennt, ist „Diaspora, hier kommt so schnell keiner hin“, gesteht Bernd Pederzani, dem das Unternehmen zusammen mit seinen vier Geschwistern gehört. Um der Provinz mehr Glanz zu verleihen, hat er eine ehemalige Lagerhalle zu einem Museum umbauen lassen, das zugleich Kantine ist. „Es ging uns darum, ein sinnlich anregendes, schönes Arbeitsumfeld zu schaffen und gleichzeitig die Kommunikation zu fördern,“ sagt Pederzani. Das – betont gesunde – Essen in der „Oasis“ von Europart kostet nichts, was die Mitarbeiter dazu verführen soll, diesen Treffpunkt auch tatsächlich zu nutzen.
Auch wenn das vermutlich nicht nur an der künstlerischen Umgebung liegt: Den weltweit etwa 1.300 Angestellten scheint die Atmosphäre bei Europart zu gefallen, das Unternehmen wurde 2007 als einer der besten 100 Arbeitgeber des Mittelstands in Deutschland ausgezeichnet. Natürlich hat der 6.000 Quadratmeter große Kunsttempel nicht nur den Sinn, die eigenen Mitarbeiter glücklicher zu machen; er wirkt auch nach außen. In der „Oase“ fanden schon Kundenevents mit 800 Teilnehmern statt. Die Kunst macht – genau wie im Falle der „Sackothek“ der Mühlenchemie – ihre Förderer zum Thema. Und das weltweit, Europart hat Niederlassungen in 29 Ländern.Deshalb bekommt auch die hauseigene Kunstsammlung Exponate aus aller Welt geschenkt, trotzdem sieht Bernd Pederzani die „Oasis“ in erster Linie als „regional verwurzeltes Museum.“
Beides, Bodenständigkeit und Weltoffenheit, mit einander zu verbinden, diese Gelegenheit bietet sich im Jahre 2010. Dann wird Essen – stellvertretend für die gesamte Rhein-Ruhr-Region , zu der auch Hagen gehört – „Kulturhauptstadt Europas“, gemeinsam mit Istanbul und dem ungarischen Pécs. Dort unterhält Europart eine Niederlassung, Pederzani plant deshalb, einen Künstleraustausch zu organisieren. - Um mit Sponsoring Erfolg zu haben und Wirkung zu erzielen, das zeigen die beiden Beispiele, brauchen Unternehmen nicht unbedingt die Brust von Bundesligafussballern oder bunte Heißluftballons. Kleinere, handhabbare Projekte passen oft besser zu mittelständischen Familienunternehmen. Und was noch zu ihnen passt, ist Kunst, selbst wenn sie wie im Falle von Europart nicht direkt etwas zu tun hat mit den eigenen Produkten. Wie sagte doch Mühlenchemie-Chef Volkmar Wywiol: „Ein Unternehmen ist auch nichts anderes als ein Kunstwerk.“
