Beitrag für DeutschlandRadio Kultur 2.6.2008
von Christoph Lixenfeld
von Christoph Lixenfeld
Länge: 29 Minuten
Anmoderation:
Die Deutschen haben mehr Ersparnisse denn je, aber beim Thema Altersvorsorge agieren die meisten hilflos und ängstlich. Seit dem vergangenen Jahr versucht die Bundesregierung gegenzusteuern - mit der Aktion "Altersvorsorge macht Schule" und entsprechenden Volkshochschulkursen. Gleichzeitig warnen private Versicherungskonzerne vor einer epidemisch sich ausbreitenden Altersarmut - und werben lautstark und eigennützig für maximale private Vorsorge. Besteht wirklich Grund zur Panik? Welche Art der Vorsorge eignet sich am besten für wen - und sollten wir uns blind auf alles verlassen, was der Staat an Vorsorgeprodukten anpreist und fördert?
Manuskript:
O-Ton Nachrichten
Köln: Nach Angaben den Deutschen Instituts für Altersvorsorge unterschätzen die Bundesbürger die Folgen zukünftig sinkender Renten und gleichzeitig steigender Lebenserwartung...bei realistischer Einschätzung der Lebenserwartung werden 59 Prozent aller Haushalte die entstehende Rentenlücke mit dem heutigen Sparverhalten nicht schließen können, erklärte... Nachdem Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in der letzten Woche mit seinem Vorschlag zum Urlaubsverzicht zu Gunsten der Altersvorsorge für Empörung gesorgt hatte, empfahl..
Sprecher
Private Altersvorsorge - gute Geschäfte mit der Angst Eine Sendung von Christoph Lixenfeld
O-Ton Müller
Wir haben heute die Situation, dass ein durchschnittlicher Rentner nach 45 Erwerbsjahren ca. 1000 Euro an Rente bekommt. Überlegen Sie sich selbst, wie weit sie heute mit 1000 Euro kommen und jetzt stellen Sie sich einfach nur mal vor, wie weit sie möglicherweise in 20 Jahren mit 1000 Euro kommen.
Sprecherin
Dass die gesetzliche Rente allein uns keinen Ruhestand im Luxus bescheren wird, darin ist sich Anlageberater Hans-Ulrich Müller mit sämtlichen Experten einig. Schließlich fällt die Rentenerhöhung seit langem niedriger aus als der Preisanstieg, Rentner können sich immer weniger kaufen von ihrem Geld. Und die Lage wird sich verschärfen: Die Alten werden mehr, und sie leben immer länger. Soll die gesetzliche Versicherung nicht völlig pleite gehen, müssen eben alle den Gürtel enger schnallen. Oder privat vorsorgen.
O-Ton Umfrage
Ich hätte ein ganz gutes Gefühl bei einer Immobilie glaube ich. Wenn ich eine eigene Wohnung hätte oder ein Haus, dann ist man die Last schon mal los. / Ne Mischung aus verschiedenen Produkten denke ich ist sinnvoll. Ich hab ne betriebliche Altersvorsorge abgeschlossen. / Die Tendenz ging zu einer privaten Renten- Zusatzversicherung. / Ich halte eine Kapital-Lebensversicherung für eine seriöse Sache. / Was ich mir vorgenommen habe, wenn ich etwas mehr Geld übrig habe im Monat wäre Riestern. / Meine Präferenz für Aktien liegt vor allem darin, dass ich das besser zu greifen finde als ne andere Geldanlage, man kann spekulieren, wechseln, und das ist halt eine große Rendite, die man sich davon verspricht. / Ich hab einfach die Gelegenheit verpasst im Moment, zumindest mich weiter damit zu beschäftigen, aber ich weiß, das Thema brennt. Ich weiß, das Thema brennt, ich weiß, das Thema brennt, ich weiß, das Thema brennt, ich weiß, das Thema brennt...
Sprecherin
Angst geht um in Deutschland: Fast die Hälfte der Bundesbürger fürchtet, dass ihre bisherige Altersvorsorge nicht ausreichen wird. Viele suchen Rat bei der Verbraucherzentrale, zum Beispiel in Hamburg. Abteilungsleiterin Edda Castelló:
O-Ton Castelló
Zu uns kommen mit den Fragen zur Altersvorsorge alle Gruppen, jung, alt, arm und reich. Zum Teil werden auch schon ganz jungen Leute, 19, 20, oft von ihren Omas geschickt mit, voller Angst, wir müssen was für die Altersvorsorge tun.
Sprecherin
Mit dieser Angst werden gute Geschäfte gemacht. Sie verleitet Menschen dazu, irgendeins von den unzähligen, unverständlichen Produkten am Markt zu kaufen. Hauptsache etwas tun, und das schnell. Wer früh mit dem Sparen anfängt, hat am Ende mehr, das weiß doch jeder. Doch falsche Entscheidungen können leicht Zehntausende Euro kosten. Edda Castelló rät deshalb, nichts zu überstürzen. Und vor allem: Sich nicht durch billige Tricks in Panik versetzen zu lassen.
O-Ton Castelló
Die typischer Herangehensweise der Versicherungsvertreter zum Beispiel: Sie rechnen den Leuten die so genannte Versorgungslücke aus. Und natürlich ist die immer ein paar hundert Euro. Und dann gibt's einen großen Schreck und gleich wird dann zur Lösung, zur Deckung dieser angeblichen Versorgungslücke der passende Vertrag aus dem Hut gezaubert.
Sprecher
Versorgungslücke: Differenz zwischen der Höhe des monatlichen Netto-Einkommens vor Rentenbeginn und der Höhe der anschließend gezahlten Rente.
O-Ton Muntau
Das Gespräch läuft in der Regel so ab, dass wir eine Analyse mit dem Kunden machen und schauen, was er bisher für die Altersvorsorge tut.
Sprecherin
Michael Muntau, Leiter Privatkundengeschäft bei der Hamburger Volksbank.
O-Ton Muntau
In der Regel ist es die gesetzliche Altersrente, auf die er warten kann. Machen dann eine Berechnung im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Produkte, wo wir dem Kunden halt darlegen und zeigen, wie er seine Versorgungslücke, die später entstehen wird, schließen kann.
O-Ton Castelló
Das ist ein völlig falsches Vorgehen. Ich denke, dass jeder inzwischen weiß, dass er gut daran tut, wenn er privat etwas fürs Alter auf die Seite legen kann. Aber er muss es natürlich auch können. Wenn jemand kein Geld hat und gerade mal so eben über die Runden kommt, dann kann er nichts fürs Alter auf die Seite legen, und dann sollte er es auch nicht tun, auch nicht mit dem angeblich besten Vertrag. Das ist ungefähr die Hälfte der Bevölkerung, die leben nämlich in der Regel mit dem Dispo.
Sprecher
Dispositionskredit oder Dispo: Kredit, den Kreditinstitute ihren Privatkunden einräumen. Sein Umfang beträgt meist zwei bis drei Monatsgehälter. Für die Nutzung des Dispos fallen tageweise Sollzinsen an. Beim Überziehen des festgelegten Dispolimits fallen zusätzlich Überziehungszinsen an.
O-Ton Castelló
Wenn der Dispo ein Dauerzustand ist, dann kann man es sich eigentlich nicht leisten, eine Altersvorsorge zu betreiben. Man zahlt für den Dispo 13 oder 14 Prozent Zinsen, tut das auf einen Sparvertrag, für den man drei oder vier oder meinetwegen auch sechs Prozent bekommt. Das ist ein überaus schlechtes Geschäft, dass heißt, alle Leute, die im Dispo sind auf Dauer, sollen erst mal sehen, dass sie den stabil auf null bekommen.
Sprecherin
Wer Monat für Monat mit seinem Einkommen auskommt, sollte etwas tun für die Altersvorsorge, unbedingt. Das wissen mittlerweile alle. Nur: Welche Anlageform jemand wählt, entscheidet er aus dem Bauch heraus. Vernunft und Berechnung spielen eine untergeordnete Rolle.
O-Ton Umfrage
Ich hätte ein ganz gutes Gefühl bei einer Immobilie glaube ich. / Die Tendenz ging zu einer privaten Renten-Zusatzversicherung. / Ich halte eine Kapital- Lebensversicherung für eine seriöse Sache. / Man kann spekulieren, wechseln, und das ist halt eine große Rendite, die man sich davon verspricht, Rendite, die man sich davon verspricht, Rendite, die man sich davon verspricht, Rendite, die man sich davon verspricht....
Sprecher
Rendite: Das Verhältnis der Einzahlungen zu den Auszahlungen. Wird meist in Prozent und jährlich angegeben. Die bekannteste Renditekennzahl ist der Zinssatz.
Sprecherin
Maximale Rendite, das heißt möglichst hohe Zinsen soll sie bringen, die Altersvorsorge. Und das bei minimalem Risiko. Doch welches Anlageprodukt ist das Beste? Wer das herausfinden will, muss als erstes die Angebote sortieren. Edda Castelló von der Verbraucherzentrale in Hamburg:
O-Ton Castelló
Im Prinzip kann man sein Geld den Rentenversicherungen geben, den Lebensversicherern, man kann sein Geld der Bank anvertrauen, einen Banksparplan machen oder man kann Fonds oder Aktien kaufen. Als Viertes wäre noch die Immobilie zu nennen. Alle anderen Produkte, diese vielen Hunderte und Tausende Produkte, die angeboten werden und alle unterschiedliche Namen haben, lassen sich immer reduzieren auf diese drei oder vier Grundmodelle.
Sprecher
Immobilie, auch Liegenschaft oder Anwesen: Im allgemeinen Sprachgebrauch ein Grundstück inklusive darauf befindlicher Gebäude und deren Zubehör. Juristisch und ökonomisch gesehen ein ‚unbewegliches Sachgut', woher sich auch das Wort Immobilie ableitet: Lateinisch im-mobilis für eine nicht bewegliche Sache.
Sprecherin
Die eigene Wohnung oder ein Haus zu besitzen, ist für Deutsche zwar nicht so wichtig wie für Briten oder Amerikaner, aber auch bei uns glauben die meisten an den bleibenden Wert des ‚Betongolds'. Mit zum Teil fatalen Folgen. Tausenden von Gutverdienern ist das Eigentum mittlerweile ein Klotz am Bein: Anfang der 90er Jahre ließen sie sich als Geldanlage überteuerte Wohnungen in den neuen Bundesländern aufschwatzen. Die sie jetzt gar nicht oder nur mit hohem Verlust wieder loswerden. Auch wer das selbst bewohnte Häuschen im Grünen kauft, wird damit nicht immer glücklich. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest.
O-Ton Tenhagen
Dann hat man das Problem, dass man vielleicht dreißig Jahre monatlich seine Raten bezahlen muss für diese Immobilie und man muss die dreißig Jahre lang monatlich auch immer zur Verfügung haben. Und wir haben heute nicht mehr die Situation auf dem Arbeitsmarkt, dass man irgendwo bei einer Firma anfängt und schon weiß, welches Einkommen man mit 62 haben wird. Wenn man eine Mietwohnung hat, dann kann man die Wohnung verkleinern und vergrößern und im Zweifel irgendwo hinziehen, wo es ein bisschen preiswerter ist. Und die Immobilie, die will halt jeden Monat diese Rate.
Sprecherin
Sogar wer durchhält, die Raten bis zum Schluss aufbringen und das Haus abbezahlen kann, ist im Alter nicht unbedingt alle Sorgen los. Das gilt vor allem für Menschen, die sich von ihrem ‚Betongold' trennen wollen, weil sie Bargeld brauchen. In vielen Landstrichen der neuen Bundesländer sind Immobilien nahezu unverkäuflich. Es gibt zu viele davon. In den Toplagen Hamburgs, Stuttgarts oder Münchens sind die Immobilienpreise dagegen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber wie viele solcher Toplagen gibt es? Und: Was ist in zwanzig Jahren eine Toplage? Im Ruhrgebiet zum Beispiel rechneten die Planer jahrzehntelang mit Bevölkerungswachstum. Mittlerweile schrumpfen die Städte rasant; viele Eigentumswohnungen haben hier in den zurückliegenden 15 Jahren dreißig Prozent ihres Werts verloren und mehr.
Sprecher
Aktie: Wertpapier, in dem das Anteilsrecht an einer Aktiengesellschaft verbrieft ist. Der Inhaber einer Aktie, der so genannte Aktionär, ist Miteigentümer an den Vermögenswerten des Unternehmens.
Sprecherin
Wer Daimler-Aktien kauft, dem gehört damit ein Stückchen von Daimler. Und dieses Stückchen kann in zwanzig Jahren mehr wert sein als heute, weniger, oder auch gar nichts mehr. Alle Aktien und Aktienprodukte bergen dieses Risiko - mit wenigen Ausnahmen.
O-Ton Castelló
Allerdings, zeigt jedenfalls die Erfahrung aus der Vergangenheit, dass bei einem genügend langen Anlagezeitraum am Ende immer mehr herausgekommen ist als am Anfang eingezahlt worden ist. Kaum einen Fehler macht man, wenn man die so genannten Indexfonds kauft, dass sind die Fonds, in denen der Dax oder der Eurostoxx abgebildet sind.
Sprecher
DAX oder Deutscher Aktienindex: Kennziffer, die über die Aktienkurse der 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen an der Frankfurter Börse Auskunft gibt. Er ist der Leitindex für den deutschen Aktienmarkt.
Sprecherin
Ein Indexfonds fasst alle Aktien des Dax - oder eines anderen Indexes - zu einem Wertpapier zusammen. Steigt der DAX, gewinnt der Anleger Geld, sinkt der Dax, verliert er etwas. Bei gemanagten Fonds dagegen sucht ein Fondsmanager die seiner Meinung nach besten Werte aus dem Index heraus. Dieser Service kostet Gebühren, bringt dem Anleger aber nicht unbedingt mehr Rendite ein als ein - fast gebührenfreier - Indexfonds. Natürlich kann man statt Aktienkörbe - sprich Fonds - auch Aktien einzelner Unternehmen kaufen. Allerdings sollten das nur Menschen tun, die Lust haben, sich ständig mit ihrer Geldanlage zu beschäftigen. Oder Spielernaturen mit Spaß am Risiko.
Sprecher
Kapitallebensversicherung: Risikoversicherung inklusive Sparmodell. Sie zahlt entweder im Todesfall des Versicherten oder bei Ablauf des Vertrags.
Sprecherin
Die Lebensversicherung ist der Deutschen liebstes Kind: Mehr als 90 Millionen Verträge gibt es, zusammen haben sie eine Kapitaleinalge von über 600 Milliarden Euro. Und das, obwohl das Urteil der Verbraucherzentrale über die wichtigste Variante verheerend ist. Abteilungsleiterin Edda Castelló:
O-Ton Castelló
Wir raten ganz dringend vom Abschluss einer Kapital-Lebensversicherung ab. Wer den Risikoschutz braucht, also Ernährer oder Ernährerin von Familien, von denen andere wirtschaftlich abhängig sind, kann diese Risikoversicherung separat über eine reine Risikoversicherung abschließen. Die kostet 'n Appel und 'n Ei. Wenn man dann noch Geld zum Sparen über hat: Lieber auf andere Weise tun; aber nicht in dieses komplizierte Kombiprodukt Kapitallebensversicherung.
Sprecherin
Michael Muntau von der Hamburger Volksbank, die über ihr Partnerunternehmen R+V auch Versicherungen anbietet, rät dagegen keineswegs, Risikoabsicherung und Geldanlage zu trennen. Und er rät auch generell nicht von der Kapitallebensversicherung ab.
O-Ton Muntau
Sie ist gut für Kunden, die sehr solide ihr Geld anlegen wollen, die auch zum Beispiel ihre Familie mit absichern wollen. Und dann sagen: okay, ich möchte halt eine konservative Lebensversicherung abschließen, dann halten wir sie für gut. Aber sie ist nicht pauschal für jeden Kunden gut. Der Kunde, der sicher anlegen will, für den ist die Lebensversicherung meines Erachtens nach wie vor 'ne gute Alternative, weil er dort eben auch steuerfreie Erlöse generieren kann und aufgrund der Langfristigkeit in der Regel auch einen höheren Zinssatz generiert. Selbst unter Berücksichtigung der Kosten, die in der Lebensversicherung anfallen. Für den sicherheitsorientierten Anleger.
Sprecherin
Und für den Anleger, der glaubt, was Verkäufer ihm erzählen: Die Renditen von Lebensversicherungen sind - anders als von Michael Muntau behauptet - keineswegs steuerfrei. Sondern sie werden nachgelagert besteuert, das heißt bei Auszahlung im Rentenalter.
Sprecher
Beratung: Im Allgemeinen ein Gespräch oder ein anderweitiger kommunikativer Austausch. Oder auch eine praktische Anleitung, die zum Ziel hat, eine Aufgabe oder ein Problem zu lösen oder sich der Lösung anzunähern.
Sprecher
Verkäufer: Mit der Kundengewinnung beauftragte Fachkraft.
O-Ton Castelló
Jeder angebliche Berater, der einem in der Bank oder zuhause auf dem Sofa durch den Versicherungsvertreter gegenübersitzt, ist kein Berater, sondern ein Verkäufer. Wenn er angestellt, fest angestellt ist, dann kriegt er zwar nicht unbedingt Provision, aber natürlich kriegt er schöne Punkte von seinem Arbeitgeber auf seinem Gehaltskonto gutgeschrieben, wenn er die Sachen verkauft und an den Mann bringt, die der Bank oder der Versicherung viel Geld einbringen. Und das sind natürlich genau die, die für den Kunden zu teuer sind und oft nachteilig sind. Und deshalb bitteschön nicht das glauben, was Banken einem sagen.
Sprecherin
Das gilt auch dann, sagt Edda Castelló von der Hamburger Verbraucherzentrale, wenn jemand "seinen" Bankberater schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten kennt. Und eigentlich machen die Kreditinstitute auch gar kein Hehl daraus, dass sie so viel wie möglich verkaufen wollen. Zum Beispiel eine Volksbank aus Nordrhein- Westfalen, die in ihrem Podcast für ein Berufseinsteiger-Paket wirbt.
O-Ton Castelló
So ein Paket könnte zum Beispiel so aussehen: Altersvorsorgeprodukt, Haftpflichtversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung und eventuell ein Sparplan. Damit ist schon mal einiges abgesichert. Wer noch eins draufsetzen will, kann sich über einen Fondssparplan oder eine Lebensversicherung Gedanken machen.
Sprecherin
Haftpflicht, Sparplan, Lebensversicherung. Vorsorgen. Absichern: Am nützlichsten sind Kunden, die vor lauter Angst immer noch eins draufsetzen wollen. Und das wollen sie dann, wenn sie schlecht informiert sind. Der Versicherer Swisslife rät seinen Vertretern, es mit der Beratung der Kunden nicht zu übertreiben. Der folgende Auszug stammt aus einem internen Podcast des Unternehmens.
O-Ton Podcast
Wie entscheidet sich der Kunde eigentlich für eine klassische Rentenversicherung, für eine fondsgebundene Rentenversicherung oder gar für ein Hybridmodell. Oft treffen Sie für ihn die Entscheidung. Lassen Sie doch ihren Kunden entscheiden, was er möchte, aber schulen Sie ihn nicht in allen Formen der Kapitalanlage. Denn das wird seine Entscheidung nicht erleichtern.
Sprecherin
Oder jedenfalls nicht eine Entscheidung im Sinne der Versicherung. Schlecht informiert sind die Verbraucher nicht nur über die Vor- und Nachteile verschiedener Altersvorsorgeprodukte, sondern auch über das komplexe System der Prämien und Provisionen, die in die Taschen der Verkäufer fließen. Banken, Versicherungsagenten und andere Vermittler klären nach Ansicht der Verbraucherberatung nur ungern und zögerlich darüber auf, wie viel der betreffende Verkäufer an welchem Vertrag verdient.
O-Ton Castelló
Sie müssten das eigentlich nach neuester Rechtslage, aber das geschieht noch nicht so, wie man sich das eigentlich wünschen möchte. Würde das wirklich so transparent gemacht, wie wir das hier in der Beratung den Kunden sagen, würden die Kunden den Kopf schütteln und sagen: Was soll das? Warum soll ich dem Hunderte und Tausende von Euro schenken? Dann such ich mir doch lieber ein anderes Produkt.
Sprecherin
Bei vielen der staatlich geförderten Riester-Verträge zur Altersvorsorge zum Beispiel bekommt der Verkäufer seine Provision nicht etwa auf einen Schlag ausbezahlt, sondern er erhält auf mehrere Jahre verteilt kleinere Beträge.
O-Ton Tenhagen
Wenn Sie nun Verkäufer sind, und es ist Ende November, und Sie müssen Weihnachtsgeschenke kaufen, und Sie können dem Kunden ein Altersvorsorgeprodukt verkaufen, wo Sie jetzt auf einen Schlag 1500 Euro kriegen, oder eins wo Sie die nächsten zehn Jahre jedes Jahr 200 Euro kriegen, was verkaufen Sie dann?
Sprecherin
Vermutlich das, an dem sofort viel zu verdienen ist, glaubt Hermann-Josef Tenhagen von der Zeitschrift Finanztest. Er vermutet, dass es auch am undurchschaubaren und kundenfeindlichen Provisionssystem liegt, dass manche Großbank sogar statt staatlich geförderter Riesterverträge aus dem eigenen Sortiment lieber Fremdprodukte anbietet.
O-Ton Tenhagen
Warum verkauft die Deutsche Bank Zürich Versicherungen, und zwar fondsgestützte Versicherungen, die so mittelmäßig sind, obwohl sie ihre Tochtergesellschaft DWS und die DWS Toprente hat, was ein fondsgestützter Riestervertrag ist, der wirklich Spitze ist. Und der wird nicht verkauft.
Sprecherin
Verkäufer werden bezahlt, um zu verkaufen, Berater werden bezahlt, um zu beraten. Warum sich trotzdem so viele Menschen unbedingt von Verkäufern beraten lassen wollen, ist für Verbraucherberaterin Edda Castelló ein ewiges Rätsel.
O-Ton Castelló
Auf der einen Seite wissen alle Verbraucher, dass sie bei der Bank oder beim Versicherer nicht wirklich gut und interessengerecht, was ihre Interessen betrifft, beraten werden. Auf der anderen Seite wissen auch die meisten, dass es die Verbraucherzentrale gibt, die hier ohne die Interessen der Ratsuchenden zu verraten und ohne Provisionsinteressen beraten kann und auch sehr konkrete Tipps und Hilfestellungen gibt. Warum kommen dann nicht alle erst zur Verbraucherberatung und machen dann ihre Bank- oder Versicherungsgeschäfte?
Sprecherin
Auf keinen Fall seiner Bank vertrauen, Vorsicht bei Immobilien, Finger weg von Lebens- und Rentenversicherungen? Wie aber sieht sie aus, die optimale, das heißt für den Sparer optimale Altersvorsorge? Alles fängt damit an, Ordnung in seine Finanzen zu bringen.
O-Ton Castelló
Der erste Schritt ist, auf jeden Fall aus dem Dispo rauskommen. Wenn man dann bei null ist oder um null, dann empfehlen wir auf jeden Fall einen Riester-Vertrag, der ist fast immer sinnvoll ist. Der nächste Schritt wäre, dass man bis zu einer Größenordnung von ein bis zwei Nettogehältern auf ein gut verzinstes Tagesgeldkonto packt. Dann zu den nächsten 10, 15, 20.000 Euro empfehlen wir festverzinsliche Wertpapiere, Bundesschatzbriefe, Sparbriefe bei Banken oder Sparkassen. Und wenn man mit dieser Vorangehensweise geübt hat, wie man fürs Alter etwas zur Seite legen kann und auch einen kleinen Puffer hat für notwendige Ausgaben, etwa die kaputte Waschmaschine oder der neue Motor, der her muss, dann kann man an die Altersvorsorge denken.
Sprecher
Riester, Walter: Geboren am 27. September 1943 in Kaufbeuren. Verheiratet, zwei Kinder. Absolvierte nach der Volksschule eine Ausbildung zum Fliesenleger. Machte Karriere beim Deutschen Gewerkschaftsbund und bei der IG Metall. Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung von 1998 bis 2002.
Sprecherin
Aus dem Namen des Ex-Ministers ist ein Verb geworden: riestern. Das bedeutet: Einen Altersvorsorgevertrag abschließen, der den Erhalt der eingezahlten Beträge garantiert und vom Staat mit Zulagen gefördert wird. Es gibt ganz verschiedene "Riesterprodukte", das Geld muss keineswegs in eine Versicherung fließen. Auch der Kauf etwa bestimmter, "riesterfähiger" Aktienfonds wird gefördert. Und: Machbar ist das Ganze nicht nur für Angestellte, sondern auch für deren Partner, auch wenn diese selbständig sind. Lohnenswert ist Riestern für die meisten. Abgesehen vielleicht von denjenigen, die bereits wissen, dass sie nur eine winzige gesetzliche Rente zu erwarten haben. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest.
O-Ton Tenhagen
Wenn die tatsächlich kein anderes Einkommen haben und sich bis dahin auch nicht mit jemand anderem zusammentun, könnte Riestern dazu führen, dass sie trotzdem nicht mehr Geld im Alter haben und dann wäre es unsinnig, jawohl.
Sprecherin
Wer mit seinen gesamten Alterseinkünften unter dem Regelsatz der Grundsicherung - sprich Sozialhilfe - liegt, dessen Einkünfte stockt der Staat auf. Durch Riestern dafür zu sorgen, statt 200 vielleicht nur 100 Euro unter diesem Regelsatz zu liegen, ist sinnlos.
O-Ton Tenhagen
Ich halte es für extrem realistisch, dass jemand, der Anfang 50 ist und das so sieht dann sagt: Dann werde ich eben nicht riestern. Und ich finde es nicht richtig, dass der Staat jemandem, der private Anstrengungen unternimmt, um im Alter etwas zusätzlich zu haben, nicht garantiert, dass er davon auch was hat.
Sprecherin
Fair und für die Sparer motivierender wäre es nach Ansicht von Hermann-Josef Tenhagen, wenn die Riester-Erträge geschützt, also armen Rentnern zusätzlich zur Sozialhilfe gezahlt würden. Tatsächlich ist diese Änderung dringend notwendig. Denn der Staat muss auch die Menschen zur privaten Altersvorsorge motivieren, die wenig Geld haben. Gerade Geringverdiener sind anderenfalls im Alter auf Sozialhilfe angewiesen. Garantiert der Staat allen, dass sie sämtliche Einkünfte aus staatlich geförderten Sparprodukten wie der Riesterrente zusätzlich bekommen, hätte das noch einen großen Vorteil: Dann nämlich ließe sich politisch und verfassungsrechtlich eine Pflicht zur privaten Vorsorge durchsetzen. Die politische Diskussion darüber wird weitergehen. Und schon heute, ohne staatliche Garantien und Zwänge, sollten zumindest jüngere Menschen unbedingt riestern. Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg:
O-Ton Castelló
Für Einkommensschwache kann man einen Riestervertrag schon für 60 Euro im Jahr abschließen. Das sind fünf Euro im Monat, ich denke, dass kann jeder aufbringen. Und nehmen wir die typische Alleinerziehende mit zwei Kindern, die ja nun wirklich keine großen Sprünge machen kann. Die kann mit einem Eigenbetrag von 60 Euro ungefähr eine Zulage von 700 bis 800 Euro im Jahr bekommen. Das wäre wirklich fahrlässig, wenn man sich da zurücklehnt und sagt: Ach, der Staat wird's schon richten, auch wenn ich Rentnerin bin.
Sprecherin
Der Staat wird es in Zukunft immer weniger richten können für die Alten. Heute beträgt die durchschnittliche gesetzliche Rente in den alten Bundesländern bei Männern 969 Euro im Monat, bei Frauen sind es nur 465 Euro. Diese Beträge werden sinken in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, das kann wegen der wachsenden Zahl der Alten und der steigenden Lebenserwartung nicht anders sein. Und das bedeutet: Immer mehr Rentner sind auf Sozialhilfe angewiesen, immer mehr müssen den Staat um Hilfe bitten. Das ist gerade für alte Menschen eine grauenvolle Vorstellung. Dann vielleicht doch lieber jetzt vorsorgen. Sicher: Sparen bedeutet Verzicht, auch wenn Banken das nie so sagen. Denn verzichten will niemand. Aber fünf Euro im Monat kann fast jeder entbehren: Es ist der Gegenwert von zwei Eis mit Sahne oder von zwanzig Zigaretten. Nicht zurücklehnen, sondern sich in Ruhe Gedanken darüber machen, wie und wovon wir leben wollen, wenn wir alt sind, das ist die Devise. Und es gibt noch ein letzten Rat: Er dreht sich um eine zwar nicht ganz unkomplizierte, dafür aber sehr effiziente Form der Vorsorge.
Sprecher
Betriebsrente oder Betriebliche Altersversorgung: Sie entsteht, wenn der Arbeitgeber seinem Arbeitnehmer Versorgungsleistungen bei Erreichen der Altersgrenze, im Falle der Invalidität oder im Todesfalle zusagt.
Sprecherin
Zentrales Element von Betriebsrenten ist die sogenannte Entgeltumwandlung, dabei fließt ein Teil des Lohns direkt in eine Altersvorsorge. Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, ihren Angestellten auf Wunsch ein Betriebsrentenangebot mit Entgeltumwandlung zu machen. Viele Arbeitnehmer verzichten allerdings bisher darauf, weil sie fürchten, ihr eingezahltes Geld zu verlieren, wenn sie den Job wechseln. Hermann-Josef Tenhagen von der Zeitschrift Finanztest:
O-Ton Tenhagen
Die rechtlichen Grundlagen haben Jobwechsler lange Zeit sehr stark benachteiligt. Da ist 2005 ein bisschen was passiert, dass es einfacher wird zu wechseln. Da muss aber noch ein bisschen mehr passieren, damit Leute, die relativ häufig ihren Job wechseln müssen, nicht jedes Mal so viel Wiggel haben, wenn sie ihren Vertrag mitnehmen wollen. Man kann das inzwischen selber so regeln, dass man nichts verliert, aber das ist eben leider viel zu viel Arbeit.
Sprecherin
Verschenkt sind die Beiträge also auf keinen Fall. Und der Abschluss einer Betriebsrente wird vom Staat massiv gefördert: Die Beträge sind sowohl steuer- als auch sozialabgabenfrei. Später muss zwar beides von der ausgeschütteten Rente bezahlt werden. Das ist aber in der Regel prozentual deutlich weniger als die heutigen Abzüge eines Arbeitnehmers. Unterm Strich also ein gutes Geschäft.
Sprecher vom Dienst
Private Altersvorsorge - gute Geschäfte mit der Angst Eine Sendung von Christoph Lixenfeld Es sprachen: Uta Prelle und Markus Hoffmann Technik: Andreas Krause Regie: Beate Ziegs Redaktion: Constanze Lehmann Produktion: Deutschlandradio Kultur 2008
